Willkommen beim Gemeindereferentinnen Bundesverband!

Auszüge aus dem aktuellen Magazin

Macht ausüben, aber nicht missbrauchen

von Hildegund Keul

Verletzlich sein – der Gewalt widerstehen – human handeln

Der Philosoph Friedrich Nietzsche war fest davon überzeugt, dass die ohnmächtigsten Feinde die bösesten Feinde seien. Ein Blick in die wutverzerrten Gesichter von Menschen, die sich bei rechtspopulistischen Demonstrationen lautstark und hasserfüllt zu Wort melden, mag diese Überzeugung bestätigen. Auch der furchtbare Anschlag vor drei Wochen in Halle hat vor Augen geführt, welch ungeheure Gewaltsamkeit daraus entstehen kann, wenn Menschen sich im Leben ohnmächtig fühlen. Der Attentäter hat noch während des Anschlags per livestream gerufen: „Einmal Verlierer, immer Ver­lierer.“ Loser zu sein, war offensichtlich sein Lebensgefühl. Der Hass, der aus solcher Ohnmacht wächst, nimmt gesellschaftlich spürbar zu, und das ist besorgniserregend.

Aus Verwundbarkeit wächst Vulneranz, also eine Verletzungsbereitschaft, die zu den Waffen ruft

Das Attentat in Halle zeigt ein leider sehr häufiges Phänomen: aus Verwundbarkeit wächst Vulneranz, also eine Verletzungsbereitschaft, die zu den Waffen ruft. Man spürt die eigene Vulnerabilität und denkt, dass Angriff die beste Verteidigung sei. Man fühlt sich ohnmächtig und setzt darauf, dass Waffen unübersehbare Stärke verleihen.

Auch Führungskräfte der katholischen Kirche haben in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu dieser Strategie gegriffen. Sie verübten keine Terroranschläge. Aber auch in Missbrauch und Vertuschung war eine Vulneranz am Werk, die einem die Sprache verschlägt. Das haben die MHG-Studie sowie der Pennsylvania-Report besonders nachdrücklich gezeigt. Das Thema, wie man Macht gebrauchen kann, ohne sie zu missbrauchen, ist daher hoch aktuell und sowohl in Gesellschaft als auch in Kirche gleicher­maßen prekär ist.

1. Vulnerabilität und Vulneranz – warum Machtausübung notwendig, aber immer auch prekär ist

In Institutionen, die sexuellen Missbrauch tolerieren, indem sie ihn vertuschen, übt die eigene Verwundbarkeit eine unsägliche Macht aus. Das hat die katholische Kirche gezeigt. Zweifellos gab es bei Schul-, Internats- oder Ordensleitungen, Bischöfen und Generalvikaren auch Achtlosigkeit, Unwissen, Überheblichkeit.4 Aber ein wichtiger Motivator lag darin, die katho­lische Kirche, also die eigene Institution, vor Schaden zu bewahren. Man fürchtete die Verwun­dung, die droht, wenn die Kirche in der Öffentlichkeit als unheilbringende Institution dasteht. Der Wunsch, die eigene Institu­tion zu schützen, birgt ein Gewaltpotential: man verwundet Andere, damit das Eigene nicht verwundet wird. Man agiert im Rüstungsmodus. Dieser bringt Schutzmecha­nismen hervor, die die Opfer ausgrenzen, unter Verdacht stellen und erneut verletzen. Um das öffentliche Bekanntwerden der Gewalt zu verhindern, wird den Betroffenen erneut Gewalt angetan. Die Verwundbarkeit der eigenen Institution wirkt hier als gewalt­potenzierende Macht, die sich gegen die Opfer wendet. Auf diesem Weg wird Täterschutz wichtiger als Opferschutz. Wie fürchterlich es wird, wenn die Gewalt erst einmal am Ruder ist, das hat der Anschlag in Halle gezeigt, aber auch die Vertuschung sexualisierter Gewalt.

Der Wunsch, die eigene Institu­tion zu schützen, birgt ein Gewaltpotential: man verwundet Andere, damit das Eigene nicht verwundet wird.

Lesen Sie den vollständigen Artikel im aktuellen Magazin!


Die Freiheit des »Herrn Woelki«

von Prof. DDr. Norbert Lüdecke

Ist der „Synodale Weg“ Teil der Lösung oder Teil des Problems? Der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke kommentiert die eröffnende Vollversammlung in Frankfurt/M. – und bleibt skeptisch.

Achtung, Anführungszeichen, damit kein Missverständnis entsteht: Selbstverständlich stehen Seiner Eminenz, Kardinal Woelki, rechtlich „Ehrfurcht und Gehorsam“ (c. 212 CIC) zu, die sich auch in der standesgemäßen Anrede ausdrücken. Die Anführungszeichen im Titel erinnern vielmehr an eine Situation während der ersten Vollversammlung des „Synodalen Weges“: Da wurde der Antrag gestellt, doch während der Sitzungen auf alle weltlichen und kirchlichen Titel zu verzichten, um angesichts der strukturell nicht zu beseitigenden Unterschiede wenigstens im Umgang ein Zeichen zu setzen und die für Katholik*innen außerliturgisch ungeübte Anrede „Schwestern und Brüder“ etwas alltagstauglicher zu unterfüttern. Der Antrag wurde von Frau Professorin Birgit Aschmann mit Verve unterstützt. Er löste aber vor allem Heiterkeit aus, wurde von Exzellenz Bischof Overbeck als Sitzungsleiter lauthals weggelacht und schließlich abgelehnt. Man saß ja schon alphabetisch egalisiert, damit musste es dann auch mal gut sein.

Augenhöhe und Gleichberechtigung?

Diese Sitzordnung war es dann auch, die Karin Kortmann, Vizepräsidentin des ZdK, in der Abschlusspressekonferenz die Plenarversammlung als „hierarchiefreien Raum“ bezeichnen ließ, der „nicht danach sortiert war, dass es Kardinäle, Erzbischöfe, Weihbischöfe, Laien und Weitere gibt“. Man braucht einen Moment, um sich zu fassen und fragen zu können: Auf welcher Veranstaltung war Frau Kortmann? Oder hatte sie das permanente kontrafaktische Gerede von „Augenhöhe“ und „Gleichberechtigung“ intellektuell derart unpässlich gemacht, dass sie das ernsthaft glaubte?

Kleriker als Führungsstand, Lai*nnen als Gefolgschaftsstand, und dies unabänderlich, weil gottgewollt.

Fakt ist: In der Plenarversammlung sitzen, wenn alle da sind, über 100 Kleriker einer kleinen Mehrheit von Lai*innen gegenüber. Nach alle Katholik*innen zumindest offiziell verbindender Glaubensüberzeugung sind diese beiden Menschengruppen aufgrund der Weihe in zwei wesentlich verschiedene Stände geschieden (LG10, c. 207 CIC). Dabei kommen den Klerikern im Gottesvolk Exklusiv- und Vorrangrechte zu. Mit den Diözesanbischöfen, die aufgrund ihrer Weisungsbefugnis in Lehre und Leitung Protagonisten des Systems sind, bilden die Kleriker den Führungsstand gegenüber den Lai*innen als Gefolgschaftsstand, und dies nach katholischer Überzeugung unabänderlich, weil gottgewollt.

Die „Mitbrüder“ unter den „Schwestern und Brüdern“

Das war auch in der Plenarversammlung sicht- und hörbar. Manche Kleriker machten sich durch die vorgeschriebene Standestracht textil als solche erkennbar und werden untereinander die nur binnenständisch passende Anrede „Mitbruder“ gepflegt haben. Die Anrede „Schwestern und Brüder“ bringt lediglich die Verbundenheit in Taufe und Firmung, die Gleichheit in der so begründeten Würde zum Ausdruck, aber mitnichten Gleichberechtigung.

Lesen Sie den vollständigen Artikel im aktuellen Magazin!